Diagnose – Was nun? Ich unterstütze sie im Umgang sowie mit der Bewältigung ihrer Krankheit. Es ist mir ein großes Anliegen, sie und ihre Angehörigen bei der Umsetzung in den Alltag und ins Berufsleben zu begleiten.
Chronische Erkrankungen haben je nach Grunderkrankung unterschiedliche Gesichter. Epilepsie, Skoliose, Multiple Sklerose, Endometriose, onkologische Erkrankungen, Diabetes, Stoffwechselerkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Asthma, um nur einige zu nennen, betreffen verschiedene Körperareale oder –funktionen. Gemeinsam ist ihnen, dass die Krankheitsursache nicht beseitigt und die Krankheit daher nicht ausgeheilt werden kann.
Neben der medizinisch, oft sehr aufwändigen Behandlung stehen chronisch kranke Menschen vor einer Reihe von seelisch-existenziellen Aufgaben, die sie zu meistern haben. Anerkennung der Krankheit heißt meist, mit einem ungewissen Verlauf zu leben, die Lebensorganisation und die Beziehungen entsprechend den körperlichen Einschränkungen umzugestalten und dabei möglichst das emotionale Gleichgewicht zu erhalten. Dieser Prozess verlangt dem/der Betroffenen und seinen/ihren Angehörigen viel ab:
„Chronizität, das heißt nicht bzw. nur, eine Krankheit zu haben und an ihr unabsehbar zu leiden, sondern das heißt vor allem: über Krankheit sprechen, mit sich selbst, mit anderen.“ (Schlippe, 2012, S. 156)
Und Schlippe erläutert weiter:
Was wir als körperliche Krankheit erleben und so bezeichnen, wird durch den Akt der Versprachlichung (auch) eine soziale Konstruktion. Und vom Moment an reagieren wir nicht nur auf die Krankheit, sondern wir konstruieren die Phänomene mit, mit denen wir es zu tun haben. (Schlippe et al., 1994, S. 101)
Darin liegt der Ansatzpunkt der Psychotherapie mit chronisch kranken Menschen: Wir können die KlientInnen bei ihren Wirklichkeitskonstruktionen bezüglich ihrer Lebenssituation begleiten und sie ermutigen, trotz der erlebten Hilflosigkeit AkteurInnen eines erfüllten Lebens zu sein.
Auswirkungen der chronischen Erkrankung auf die Lebensgestaltung der Betroffenen Eine chronische Erkrankung ist ein lebenslanger Begleiter, mit dem es sich zu arrangieren gilt, mit dem man lernen muss zu leben, Betroffene sowie deren Familie und das soziale Umfeld.
Die Betroffenen müssen z. B. damit rechnen, jahrelang mit Einschränkungen, Behinderungen und Schmerzen zu leben. Sie sind häufig auf die Hilfe anderer angewiesen. Die Lebensführung muss oft grundlegend geändert werden – dies ist meist nicht einfach, sowohl für die KlientInnen als auch für deren Angehörige.
Lebenspläne und Ziele müssen modifiziert und manchmal auch aufgegeben werden. Sie sind oft nicht mehr durchführbar. Auch soziale Rollen und das soziale Umfeld sind betroffen und verändern sich. Nicht immer zum Vorteil. Viele Menschen haben große Scheu im Umgang mit chronisch kranken Menschen, fühlen sich hilflos und ohnmächtig. Da chronische Erkrankungen unheilbar sind, müssen Betroffene diese als Begleiter für den Rest des Lebens akzeptieren. Das gelingt nicht allen Betroffenen. Hinzukommen Belastungen durch Diagnosen, medizinische Behandlungen und Eingriffe sowie Stigmatisierung. Zahlreiche Ängste und Sorgen beeinträchtigen zusätzlich, vor allem wenn das Leben unmittelbar bedroht ist oder stark eingeschränkt wird.
Hürden und Hindernisse, welche einem in den Weg gestellt werden, erschweren das Leben der Betroffenen und deren Angehörigen. Mitmenschen können dieses Ausmaß oft nicht erkennen, verstehen und begreifen.
Ständige Höhen und Tiefen, denen man durch die Außenwelt ausgeliefert ist, prägen das tägliche Leben. KlientInnen werden zurückgeworfen - psychisch, physisch, motivational. „Ich bin am Ende“ und doch muss es weiter gehen.
Was tun Betroffene, die keine verständnisvollen unterstützenden Angehörigen oder PartnerInnen haben und sich dieser Situation allein stellen müssen?
Die Krankheit wird in Familien häufig zum dominanten Thema.
Als Therapeutin betreue ich in meiner Praxis viele KlientInnen mit unterschiedlichen chronischen Erkrankungen. Im Rahmen der Therapiegespräche war die Angst immer ein zentrales Thema. Dieses Gefühl begleitete manche KlientInnen während der gesamten Zeit der Betreuung. Dabei habe ich beobachtet, dass es sich veränderte, denn kaum war ein kleiner Schritt geschafft, ein Etappenziel erreicht, so trat die Angst in einer anderen Form in Erscheinung.
Laut Christoph Thoma wird die langandauernde Angst quasi zur „Lebensabschnittspartnerin“ und ist scheinbar immer im Schlepptau (Thoma, 2009, S. 22).
Auch ich machte die Erfahrung, dass bei diesen Menschen und deren Angehörigen die Angst einen sehr dominanten Platz einnimmt.
Häufig sind Veränderungswünsche vorhanden. Aufgrund diverser Verluste von Fähigkeiten, Enttäuschungen, Frustrationen, Rückschlagen, Schmerzen, negativen Erlebnissen und Hindernissen trauen sich die KlientInnen die Lebenswünsche nicht weiter zu denken und auch nicht auszusprechen, weil sie sich vor einer Wiederholung ängstigen. Durch das gedankliche Spielen mit den Sehnsüchten machen wir einen großen Bogen um diese negativen Erfahrungen und so können weiterreichende Lebensentwürfe entstehen. Die Aufgabe der Therapeutin ist, den/die KlientIn zu unterstützen, seine/ihre „gemischten Gefühle“ zu sortieren und ihm/ihr zu helfen, neue Optionen für die Lebensgestaltung zu entwickeln und die Umsetzung Schritt für Schritt genießen zu können.